Einen Scheiß muss ich – Wie dir deine innere Bitch hilft, der Nettigkeitsfalle zu entkommen.

“Sei ein nettes Mädchen!”

Ganz ehrlich! Wie oft landest du in der klebrigen Nettigkeitsfalle, weil du einfach nicht Nein sagen kannst? Du hast eigentlich schon viel zu viel auf deinem Zettel, aber wenn dich die Kindergärtnerin fragt, ob du beim Schultüten basteln hilfst, sagst du mit einem Lächeln „Klar, gerne.“ weil du irgendwie das Gefühl hast, du musst das tun?

Dabei würdest du dich am liebsten manchmal selbst anbrüllen: „Einen Scheiß muss ich!“ und bei solchen Anfragen einfach mal „Nein.“ sagen. Doch irgendwie bringst du es nicht über die Lippen? Du bist zu nett.

Ich bin auch nett und in der Regel bin ich auch gerne nett, ich finde nett sein gut! Aber manchmal tappe ich dadurch in die Nettigkeitsfalle. Dann tue ich Dinge, die ich eigentlich nicht tun will und sage ja, obwohl ich lieber nein sagen würde. Das ist tückisch.

Die Tücken der weiblichen Sozialisation

Nun, ich bin ja auch eine Frau. Hat es wirklich damit zu tun? Ich denke, es hat seinen Anteil. Denn wir werden als Frauen sozialisiert. Wir sind, wenn du so willst, Opfer der typischen weiblichen Sozialisation. Der Begriff Sozialisation beschreibt die Entwicklung und Bildung einer Persönlichkeit durch Interaktionen mit der sozialen Umwelt. (Wenn du eine etwas wissenschaftlichere Perspektive willst lies den Artikel Dimensionen von Geschlecht )

Das heißt unsere Persönlichkeit und viele unserer Eigenschaften sind ganz eng damit verstrickt, dass wir Frauen sind. Es prägt uns, wie Frauen von unserem Umfeld behandelt wurden und werden. Denn ja, es ist eine Tatsache, dass mit Mädchen und Jungs unterschiedlich umgegangen wird und das in unsere Gesellschaft Geschlecht eine tragende Rolle spielt. 

Typisch weibliche Eigenschaften, die uns in die Nettigkeitsfalle führen.

Männern und Frauen werden unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet.

Wir sind geprägt von den Vorbildern aus unserem Umfeld, also wie „Frau und Mutter Sein“ in unsere Familie und im Bekanntenkreis vorgelebt wurde. Aber auch durch Filme, Werbung, Geschichten und Märchen.

Die typische Frau im Hollywood-Film zum Beispiel ist in der Regel:

  • romantisch
  • weichherzig
  • glücklich
  • feinfühlig
  • sinnlich
  • fröhlich
  • nachgiebig
  • oft bescheiden
  • empfänglich für Schmeicheleien
  • empfindsam
  • selbst aufopfernd
  • verspielt 
  • verführerisch
  • leidenschaftlich
  • herzlich
  • sicherheitsliebend
  • und umgänglich.

Sie benutzt keine barschen Worte, achtet auf ihr Äußeres und wird im übertragenen Sinne vom Ritter auf dem weißen Ross gerettet.

In der Werbung gezeigte Frauen sind zwingend noch schlank, sportlich, haarlos, cellulitefrei und seltsamerweise schwitzen oder pupsen sie nie.

Die gute Mutter

Als Mutter kommen dann noch die typisch mütterlichen Eigenschaftszuschreibungen hinzu:

  • ausgeglichen
  • hilfsbereit
  • geduldig
  • besorgt 
  • fürsorglich
  • liebevoll
  • aufopfernd
  • und mega multitaskingfähig.

Findest du dich darin wieder?

Auch, wenn diese Eigenschaften uns nicht entsprechen bzw. wir diesen Eigenschaften nicht entsprechen und wir manchmal das Gefühl haben, von diesen Zuschreibungen eingeschränkt und schier erschlagen zu werden. Sie prägen uns und bestimmen in vielen Situationen unser Verhalten.

In unseren Aufgaben spiegelt sich, wie sehr wir in die Nettigkeitsfalle getappt sind.

Unser Alltag und unsere Lebenswirklichkeit wird davon bestimmt. Es zeigt sich offensichtlich auf unseren täglichen To-do-Listen. 

Denn, obwohl der Feminismus zweifelsohne viel erreicht hat. In den meisten Familien herrscht nach wie vor eine latente Schieflage in der familiären Aufgabenverteilung. Auch das hat mit unserer Sozialisation und unseren Vorbildern zu tun.  Frauen dürfen und sollen zwar mittlerweile arbeiten, aber die sind immer noch im Gro für Haushalt, Kindererziehung und Pflege zuständig. Sie denken an Geburtstage und Geschenke, sie springen ein, wenn es darum geht, sich um was-auch-immer zu kümmern. Neben dem alltäglichen Wahnsinn sagen wir auch zu sämtlichen Extras meistens noch ja. Da ist sie wieder: Die Nettigkeitsfalle!

Ich kenne es von mir selbst. Ich sehe und höre überall Erwartungen, auch solche, die (noch) niemand geäußert hat oder die gar niemand stellt, ich aber unterstelle. Und dann auch noch die Ansprüche und Erwartungen, die ich an mich selbst stelle… das sind oft die allerschlimmsten.

Von Goldmarie und Pechmarie

Die „gute“ Frau und Mutter ist wie die Goldmarie aus dem Märchen Frau Holle. 

Sie hört die Brote rufen und holt sie brav aus dem Ofen. Sie schüttelt den Apfelbaum, sie macht die Betten. Kurz: Sie erfüllt alle Erwartungen und wird dafür im Märchen sehr reich belohnt. Die Pechmarie hingegen verweigert sich den schreienden Broten lässt auch den Apfelbaum links liegen und sticht im Haushalt der Frau Holle ebenso nicht durch besondere Leistungen  hervor. Faules Stück, das wird bestraft!

Alles sehr subtil, nicht wahr? Gibt es da wohl einen Zusammenhang mit unserer bekannten Nettigkeitsfalle?

Wenn das die Geschichten unserer Kindheit sind, dann wundert es nicht, dass, wenn wir Aufgaben liegen lassen und nicht das tun, was wir vermeintlich sollen, ein mulmiges Gefühl in unserer Magengegend auftaucht. 

Dabei macht die Pechmarie so viel richtig. Sie kümmert sich um sich selbst und ihre Bedürfnisse. Im Märchen fährt sie damit nicht sehr gut. In der Realität dürfen wir sie uns zum Vorbild machen. Niemand wird uns mit Pech übergießen! Aber vielleicht mit dem Kopf schütteln oder uns doof finden? Ja! Das ist schwer auszuhalten und fühlt sich oft auch wie eine Strafe an. Wir sind schließlich soziale Wesen, daher streben wir danach gemocht, wertgeschätzt und anerkannt zu werden. Vor ein paar hundert Jahren war fehlende Zugehörigkeit noch lebensbedrohlich und dieses Gefühl sitzt immer noch tief in uns.

Inneres Team

Doch wer ist es genau, dem es gerade so wichtig ist für den selbstgemachten Salat gelobt zu werden? In uns gibt es ja immer verschiedene Stimmen. Im Coaching wird oft vom inneren Team gesprochen. Das ist ein Persönlichkeitsmodell des Psychologen Friedemann Schulz von Thun. Es soll deutlich machen, das in uns verschiedene Persönlichkeitsanteile und Stimmen vorhanden sind.

Du kennst sicher innere Dialoge wie: „Ich hab echt keine Lust auf Schultüte basteln, die kann man doch kaufen!“ Aber gute Mütter basteln Schultüten selbst, du willst doch keine Rabenmutter sein.“ Diese innere Pluralität, die verschiedenen Persönlichkeitsanteile oder inneren Stimmen, die ein Mensch in sich trägt, bezeichnet Schulz von Thun als Teammitglieder. Diese Anteile stehen stellvertretend für unterschiedliche Bedürfnisse, die wir haben und jeder innere Anteil hat eigene Strategien entwickelt seine Ziele zu erreichen. Die einzelnen Strategien drücken sich in Denk-, Verhaltens- und Handlungsmustern aus.

In verschiedenen Situationen ist mal der eine mal der andere Anteil Chef des Teams und hat das Sagen, dann kommt die Erfolgsstrategie dieses Anteils zum Tragen. Du kannst dir das ganze auch als Auto vorstellen, einer sitzt am Steuer, die anderen sind aber auch im Auto und unterstützen vom Beifahrersitz oder quatschen unqualifiziert vom Rücksitz mit hinein. Manchmal haben wir für bestimmte Situationen jedoch nicht den richtigen Fahrer oder es sitzt ein Anteil am Steuer, der uns in eine Richtung steuert, die uns gar nicht guttut. Manche Stimmen sind lauter, manche leiser. Aber wir können unsere Aufmerksamkeit auch auf einzelne Anteile richten und sie dadurch stärken oder uns neue Teammitglieder ins Spiel holen, wenn wir neue Kompetenzen für bestimmte Situationen brauchen.

Wohin steuert unser inneres kleines Mädchen?

Stellen wir uns die typischen Situationen vor, in denen wir in vorauseilenden Gehorsam, Aufgaben übernehmen. Wir rufen “hier” bei der Elternbeiratswahl, bringen einen selbstverständlich selbstgebackenen Kuchen mit zum Fest und sind generell für sämtlichen Extra Projekte zu haben? Warum? Weil es in uns diese vielleicht irrationale Angst vor Bestrafungen gibt. Es könnte sein, dass uns Anerkennung, Lob und Bewunderung verwehrt bleiben. Es kann sein, dass uns jemand nicht lieb hat, wenn wir nicht leisten.

Unser inneres kleines Mädchen will aber gemocht und geliebt werden und geht lieber über die eigenen Grenzen und Bedürfnisse, als das in Kauf zu nehmen. Wenn wir Sie das Steuer übernehmen lassen, dann versuchen wir es allen anderen Recht zu machen und vergessen uns darüber selbst.

So fahren wir gegen die Wand!

Doch oft kommen wir in unserem Leben an einen Punkt, an dem wir merken, dass wir mit dem kleinen Mädchen am Steuer mit einer auf Dauer sehr ungesunden Strategie unterwegs sind. Bei mir hat es sich in massiven Rücken- und Kopfschmerzen geäußert. Du spürst vielleicht, dass es dich erschöpft oder du immer öfter Magenprobleme hast. Vielleicht bist du auch einfach unausgeglichen und genervt. Dein Tag hat gefühlt zu wenig Stunden für all das was du tun “musst”.

Du spürst sehr genau, dass du es  eigentlich gar nicht willst und es dir auch nicht guttut. Doch du tust es trotzdem, denn klar Kante zu zeigen und Nein zu sagen, das kostet Mut und emotionale Energie. Diese Energie aufzubringen ist schwer, wenn du sowieso schon am Limit bist und du solltest dir dafür Unterstützung holen. Da wir im Außen nicht immer die Unterstützung haben, die uns den Rücken stärkt, ist es sehr hilfreich sich die Unterstützung im Inneren zu implementieren.

Setz die Bitch ans Steuer

Stell dir vor, dass in Situationen, die klare Ansagen von dir verlangen ein Anteil am Steuer sitzt, der genau das gut kann. Der dir den Rücken stärkt, keine Angst vor Ablehnung hat und der nicht gefallen möchte.

Eine richtige Bitch, die sich nimmt, was sie will und mit einem Schulterzucken sagt: “Nicht mein Problem!”

Ich finde, jede Frau sollte eine innere Bitch haben!
Wir sind Power Frauen und doch, werden wir oft „so klein mit Hut“, wenn wir Angst haben für unser Verhalten abgelehnt zu werden. Wenn wir gerade unsere eigenen Interessen durchsetzen wollen, dann aber doch einknicken, für den lieben Frieden oder weil wir gut dastehen wollen. Zack, wieder in die Nettigkeitsfalle getappt. Das ist ein dysfunktionales Verhalten, d. h. unser Tun führt nicht zu dem Ergebnis, dass wir uns wünschen.

Das gilt es zu ändern, also sollte die Bitch das Steuer übernehmen, denn der inneren Bitch ist es völlig egal, was andere über uns denken. Die Nettigkeitsfalle ist für unsere Bitch keine Gefahr.

Sie weiß, was uns guttut und sie ist kompromisslos, wenn es um den Schutz unserer Bedürfnisse und Grenzen geht. Sie ist der Anteil in uns, der brüllt: “Einen Scheiß muss ich!” wenn von allen Seiten wieder Erwartungen an uns herangetragen werden. Sie ist nicht nett, mitfühlend und umgänglich, sondern böse, unfreundlich und sarkastisch, bitchy eben. Daher verstecken wir sie oft ganz tief in uns und mögen sie vielleicht auch nicht besonders, denn Sie ist kein Anteil, der uns hilft beliebt zu werden. Aber das ist auch nicht ihr Job.

Sie hilft uns, uns Dinge vom Hals zu halten und uns nicht für alles so furchtbar verantwortlich zu fühlen.

Brauchst du auch eine innere Bitch, die dich vor der Nettigkeitsfalle schützt?

Falls deine Bitch tief in dir vergraben, ganz leise oder auch gar nicht auffindbar ist, du aber spürst, dass du diesen Anteil gerade dringend am Steuer brauchen könntest, kommen jetzt die Tipps für dich, wie du deine innere Bitch findest, stärkst und ans Steuer setzt.

Überlege dir zunächst, wie deine innere Bitch aussehen könnte.

Stell dir vor, wie sie spricht, wie ihre Mimik und Gestik ist.

Dann probiere verschiedene Sätze aus, die deine Bitch in den für dich kritischen Situationen sagen könnte. “Einen Scheiß muss ich!” geht in die richtige Richtung.

Leg dir da ein Portfolio an Sätzen im “Slang” deiner Bitch zu. Probiere diese Sätze auch einmal für dich aus. Sag sie laut! 

Wenn du magst, stell dich vor den Spiegel und versuch richtig in deine Bitch Rolle hineinzukommen. Tob dich aus und hab Spaß dabei, diese Seite rauszulassen!

Wenn du dann in eine Situation kommst, in der die Nettigkeitsfalle wieder lauert und du deinen bitchy Anteil brauchst, stell dir vor, deine kleine Bitch sitzt auf deiner Schulter und flüstert dir deine Sätze ein. Je nach Situation ist es natürlich sozialverträglicher die Sätze in dieser Form nur zu denken und für die Kommunikation nach außen noch etwas mehr Höflichkeit aufzubringen. Aber behalte die Haltung und Attitüde bei. Sei klar und mache durch deine Körpersprache deutlich “nicht mit mir!”. 

Sei aber milde mit dir, wenn du am Anfang trotzdem immer mal wieder in der Nettigkeitsfalle landest. Es ist ein Prozess und auch deine Bitch muss üben dürfen. Behalte das Modell der Komfortzone im Hinterkopf und überfordere dich nicht selbst, indem du von 0 auf 100 gehst mit deinem bitchy Anteil. Bleib in deiner Bitch-Entwicklungszone und finde heraus, wie es für dich passt und was dich unterstützt.

Dein Preis und dein Gewinn

Der Preis dafür, dass du deine Bitch rauslässt ist tatsächlich, dass du dich wahrscheinlich an der ein oder anderen Stelle unbeliebt machst. Doch führe dir vor Augen, was du dadurch gewinnst. Wenn du das Fettnäpfchen Nettigkeitsfalle immer öfter links liegen lässt passiert folgendes: Du achtest und schützt dich selbst!

Ich bin mir ganz sicher, dass du eigentlich sehr gut darin bist zu spüren, wann es Zeit ist auf den Tisch zu hauen oder klar Nein zu sagen. Du traust dich vielleicht nur nicht immer, diesem Impuls zu folgen.

Erlaube dir selbst etwas weniger umgänglich und nett und stattdessen etwas sebstfürsorglicher zu sein. Willst du wissen, welcher Selbstfürsorge Typ du bist?

Der Artikel wurde von der Blogparade „Einen Scheiß muss ich…!“ von Elke von Federführend inspiriert. Vielen Dank für den Impuls zum Thema!

6 Replies to “Einen Scheiß muss ich – Wie dir deine innere Bitch hilft, der Nettigkeitsfalle zu entkommen.”

  1. Liebe Lisa,
    was für ein genialer Artikel! Inhaltlich fühle ich mich voll ertappt 😉 Was mir aber auch besonders gut gefällt, sind die Beispiele aus Hollywood und aus Märchen, die du heranziehst. Denn das sind ja oft Vorbilder bzw. so werden wir auch ein Stück weit sozialisiert, so wird es uns vorgelebt oder gezeigt: Ach schau mal, so macht man das.
    Ich werde mir den Artikel bookmarken und bei der nächstbesten Gelegenheit als tolles Beispiel für einen gelungenen Artikel heranziehen!

    Vielen Dank für diesen großartigen Beitrag zur Blogparade!

    Liebe Grüße
    Elke

    1. Liebe Elke,
      herzlichen Dank für die Blumen. Das von dir als Schreibexpertin – Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich wie ein kleines Kind über diese positive Kritik. Die Blogparade ist aber auch eine phänomenale Vorlage. Danke dafür!

  2. Ich werde einen Heidenspaß dabei haben, diese meine „bitch“ zum Leben zu erwecken 🙂

    Danke für die Impulse ! Und ja, auch ich latsche noch viel zu oft in diese doofe „Nettigkeitsfalle“ …
    liebe Grüße, Frauke

    1. Spaß ist super liebe Frauke!!! Es freut mich, dass ich dich inspirieren konnte. Ich mag ja „nett“ – nur nicht zu jedem Preis. Daher ist das Achten der eigenen Grenzen für mich die Grenze der Nettigkeit. Aber auch ich übe noch und manchmal scheint meine Bitch einfach gerade ein Schläfchen zu machen.

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